Matthias Gödde — Seestücke
             Kreishaus Warendorf, 13. März bis 13. April2006
        
             ,,Bilder sprechen für sich und brauchen keine seitenlange Analyse“, das sagt der international
             bekannte finnische Fotograf Esko Männikkö in der neuesten Ausgabe des Kunstmagazins
             Art. Eine zu tief gehende Analyse des Bildes zerstört dessen Aura, so Männikkö, und verhin-
             dert, gewis Eindrücke über die Sinne wahrzunehmen und so tiefer zu lassen. Wenn diese
             Aussage in jener Absolutheit stimmen würde, könnte ich mit meiner Einführung enden bevor
             ich überhaupt angefangen habe. Denn ich will die Aura der Fotografien von Matthias Gödde
             ja nicht zerstören, auch nicht in eine seitenlange Analyse abdriften, dennoch möchte ich ver-
             suchen, Sie mit hinter die Vorgänge der unmittelbaren Wahrnehmung zu nehmen, denn Bil-
             der zeigen stets mehr als das Auge fassen kann.
             Seestücke nennt der Künstler die Serie von Fotografien, die er uns hier in der Ausstellung im
             Kreishaus präsentiert und es sind — wie alle Bilder von Matthias Gödde — Dokumentarfotos.
             Nichts ist arrangiert, nichts ist montiert oder per Bildbearbeitung manipuliert. Was wir sehen
             sind Fotografien pur und direkt, sind authentische Schnappschüsse, keine inszenierten Bil-
             der. Es widerspräche seiner Philosophie und Arbeitsmethode, das Bildresultat im Nachhinein
             mittels digitaler Technik zu verändern bzw. zu verfremden. Matthias Gödde fühlt sich einer
             dokumentarischen Kontinuität verpflichtet, die zurück in sein Studium der Visuellen Kommu-
             nikation an der FH Münster und zu seinem Lehrer Manfred Schoon führt und die auch heute
             noch seine Arbeit als Autorenfotograf und Künstler prägt. Matthias Gödde ist seit dem Jahr
             2001 Künstlermitglied im Kreiskunstverein und aus den verschiedenen Themen-, Gruppen-
             und Verkaufsausstellungen sowie auch aus der letzten Jahresgaben-Edition kennen wir sei-
             ne stillen und ästhetisch schönen Aufnahmen von Friedhöfen und Grabsteinen, aber auch
             jene drastisch-provokanten Aufnahmen vom CSD oder seine sozialkritischen Bilder, die
             Konsum, Kommerz und die Konsequenzen der Wegwerfgesellschaft zeigen. Matthias Gödde
             arbeitet häufig bzw. hauptsächlich in Serien, eher spontan und beiläufig Entstandenes reiht
             sich darin an bewusst Reflektiertes. Auch das Thema Meer bzw. Seestücke verfolgt ihn be-
             reits seit vielen Jahren, vorrangig an seinen Urlaubsorten. Die ersten der hier ausgestellten
             Fotografien stammen aus dem Jahr 1984 und die Serie endet (vorläufig) 2005.
        
             Matthias Gödde ist weder Romantiker, wenn er sich der Landschaft und dem Meer als klas-
             sisches Thema widmet, noch ein Abenteurer, der zu unbekannten Ufern aufbricht, sondern
             ein Chronist, der mit teilnehmender Beobachtung zu meist bekannten Erscheinungen drängt.
             Nicht Landschaft pur stimuliert ihn, sondern die darin auftauchenden Menschen. Deren Ver-
             halten in freier Natur, mit Blick auf das Meer ist sein Thema. Seine Fotografien ,materialisie-
             ren‘ existenzielle Gefühle und grundlegende Bedürfnisse des Menschen. Haben wir nicht alle
             schon am Meer gestanden, den Blick in die Weite gerichtet und dann im Gegenüber zu die-
             ser Unendlichkeit nach Halt gesucht, die Hand ausgesteckt, den Arm um einen lieben Men-
             schenneben uns gelegt? Sind am Strand entlang spaziert, haben geschaut, gedeutet, gele
             sen oder in der Sonne gelegen? Oder haben als Touristen die Kamera gezückt, um gerade
             diesen einen Moment des Urlaubs im Foto festzuhalten? Und haben wir uns nicht auch
             schon dabei ertappt, wie wir die anderen Touristen bei ihrem Tun beobachten, ihr Aussehen
             beurteilen und manches zu knapp sitzende T-Shirt belächeln? Es sind alltägliche und ganz
             menschliche Szenen, die Matthias Gödde als Sujets wählt, es sind keine erfundenen, son-
             dern gefundene Situationen und trotz dieser Realität und scheinbaren Wirklichkeit handelt es
             sich um Kompositionen, denn der Fotograf bzw. die Kamera organisiert das Bild, setzt den
             Rahmen, wählt den Ausschnitt, der von der realen Welt gezeigt wird, bestimmt, was zu se-
             hen ist.
             Die Fotografien von Matthias Gödde sind bereits gesehene Bilder, d.h. es sind Bilder und
             Szenen, die der Künstler aus Filmen als Mentalbilder gespeichert hat und an die er sich in
             bestimmten Situationen erinnert fühlt. Filmmotive geben ihm die Impulse für seine Bildmoti-
             ve, für seine Sehstücke. Ganz offensichtlich bestimmt eine filmische Ästhetik das Aussehen
             seiner Fotos, die auch Videostills oder Screenshots, Szenenfotos und Nahaufnahmen aus
             Filmen sein könnten: die Umarmung, der Kuss, die Geste. Sie wirken wie filmische Zitate
             oder Teile einer Handlung, die wir Betrachter weiter denken müssen, weiter erzählen, weiter
             bebildern können, mit unseren eigenen Bildern im Kopf, mit unseren Gefühlen, mit unseren
             Geschichten. Denn was wir Menschen, der Fotograf ebenso wie der Betrachter, im Sehen
             als Sinneseindruck wahrnehmen, gleicht keiner fotografischen Abbildung, ist keine ungefilter-
             te Reproduktion des Gesehenen. Wahrnehmung ist vielmehr ein höchst selektiver, gedächt-
             nisgesteuerter und handlungsorientierter Konstruktionsprozess, eine komplexe kognitive 0-
             peration nach angeborenen und erlernten Mustern. Wir nehmen etwas wahr, sehen es vor
             dem Hintergrund unserer Erfahrungen, Erlebnisse und der ganz persönlichen Einstellungen.
             Neben diesen individuellen Faktoren beeinflussen auch zeitliche, kulturelle und soziale
             Wahrnehmungsdifferenzen das Sehen. Wenn zwei Menschen dasselbe Bild betrachten, be-
             deutet das nicht automatisch, dass sie dasselbe sehen. Die Mechanismen des Sehens lau-
             fen bei jeden Menschen anders ab und das bedeutet auch, dass sich die Perspektiven und
             Dimensionen des Wahrnehmbaren unterscheiden. Und damit wird deutlich, dass erst foto-
             grafische Aufnahme und Wahrnehmung des Betrachters zusammen eine visuelle Konstella-
             tion zum Bild machen. Ein Bild ist eben nicht nur das, was wir sehen, sondern auch das was,
             wir fühlen und denken. Materielle und immaterielle Aspekte vereinen sich und sind untrenn-
             bar miteinander verbunden. Und wenn Sie genau hinschauen, dann sehen Sie in den Bildern
             von Matthias Gödde auch das Immaterielle, jenes Nichtsichtbare, das vom Körper zur Seele
             führt.
        
                                                         Dr. Andrea Brockmann
        
	
	

        



         Ausstellung “Black Box” Flughafen Münster Osnabrück im Mai 2002

         Auszug:

         Der Fotograf Matthias Gödde und der Kompo-
         nist und Schlagzeuger Willi Kellers haben ein
         Projekt unter dem mehrdeutigen Titel Destination
         erarbeitet. Dieser bezieht sich einerseits auf die
         Funktion des Flughafens als Ort der Abreise und
         andererseits auf die Selbstbestimmtheit der Reisen-
         den. Er ist auch ein ironischer Verweis auf die im
         Flughafengebäude aushängenden englischsprachi-
         gen Hinweisschilder, die im betulichen Münsterland
         ein internationales Flair zu etablieren suchen, wo
         doch der ,,Münster Osnabrück International Airport
         die schöne Anschrift Hüttruper Heide 71-81 hat. An
         mehreren Tagen wurde der Flughafen hinsichtlich
         seiner visuellen und akustischen Eigenheiten unter-
         sucht. Als Ergebnis wurde in der unteren Abflughal-
         le ein Großbildfernseher aufgestellt, auf dem eine
         Abfolge von 90 Fotos zu sehen war die von einer
         aus Sprache und Musik bestehenden Komposition
         begleitet wurde. Jedes Bild blieb für eine kurze Zeit-
         spanne stehen und konnte im Zusammenhang mit
         der Komposition betrachtet werden.
         hat. Verstellte Landschaftsausblicke, vergebliche
         Kommunikation sowie Leere und Weite sind daher
         wiederkehrende Motive in den Fotografien. Mehr-
         fach zeigen sie den gescheiterten Versuch, exotische
         Welten zu vereinnahmen, sei es durch Aufdrucke auf
         T-Shirts oder grossformatige Werbetafeln.
        
         Die Fotografien zeigen keine Postkartenansichten
         und nicht den schönen Schein. sondern vielmehr
         artifizielle Räume und Situationen, die heute Kenn-
         zeichen vieler Zielorte sind. Diese sind geprägt durch
         die Okonomisierung des öftentlichen Raumes und
         Menschen als bereitwillige Akteure.
         Matthias Gödde ist ein Dokumentationsfotograf,
         der Orte und Personen auf bildliche und inhaltliche
         Informationen hin untersucht, um einen andersarti-
         gen, oft ironischen Blick auf scheinbar bekannte
         Dinge und Zusammenhänge zu ermöglichen. Er
         erstellte eine fotografische Bestandsaufnahme zum
         Thema Reisen, die nichts beschönigt, nichts aus-
         lässt und nur den sachlichen Blick auf die gegebe-
         nen Realitäten gelten lässt. Hierbei rückt das Bana-
         le eng an das Besondere, Witz und Ironie spielen
         eine nicht unerhebliche Rolle. Auch wenn Manches
         absurd, widersinnig, zumindest einseitig oder maß-
         los übertrieben erscheint, so handelt es sich ledig-
         lich um die Wiedergabe dessen, was zu sehen war.
         Idealisierte Scheinwelten und nüchterne Realität
         können hierbei bisweilen hart aufeinandertreften.
         Reiselust, Entdeckertreude, Fernweh und exotische
         Traumwelten sind heute Gegenstand einer Industrie,
         in der das Individuum entgegen den Versprechun-
         gen der Hochglanzprospekte nur wenig Chancen


         Dr. Martin Gesing

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